Joseph  Wertheims
Deutsche Nähmaschinen- Fabrik

Joseph Wertheim wurde am Donnerstag, den 20.03.1834 als fünftes Kind von Leiser Wertheim und dessen Ehefrau Merle geb. Heß in Rotenburg an der Fulda geboren.
Joseph Wertheim wuchs als Jude in Rotenburg auf und erlernte, ab April 1851 bei dem Hofmechanikus und Münzmeister Friedrich Wilhelm Breithaupt & Sohn in Kassel das Mechanikerhandwerk mit der Fertigung mathematischer, physikalischer und optischer Instrumente.
Nach der Lehrzeit im April 1854, arbeitete er im Betrieb seines Vaters, dort lernte er die Abläufe in einer Leinenwaren und Garnfabrik kennen.

Im Nov. 2000,
Die Straßenansicht des Geburtshaus von
Joseph Wertheim in Rotenburg
an der Fulda.
Bild, Dr. Nuhn Rotenburg a. d. Fulda

Er musste im Verlauf seiner Jugend die volle Härte antijüdischer Exzesse 1848 in Rotenburg miterleben und hatte vermutlich von daher schon den großen Traum von Amerika.
Dies veranlasste Ihn und seinen Freund Lukas Werthan (Schuhmacherlehrling) im Mai 1854 nach Nordamerika auszuwandern.
In Amerika fand er in New York City bei einem Tabakwarenhändler seine erste Arbeit. Der Eigentümer des Ladens sah, dass Wertheim mit dieser Arbeit seine Zeit verschwendete und schickte ihn zu Singer in die Lehre. Er sollte lernen wie man Nähmaschinen baut, die in Amerika gerade populär wurden.  Dort lernte er die Nähmaschine kennen und schätzen. Jedoch quälte ihn wie viele andere auch das Heimweh.
Mit seinen Träumen von einer eigenen Nähmaschinenfabrik kehrte er Mitte 1858 nach Rotenburg a. d. Fulda zurück.
Vermutlich hatte Ihn seine Mutter über den schlechten Gesundheitszustand seines Vaters informiert.  Wieder zu Hause angekommen beantragte er die Wiederaufnahme als Bürger der Stadt Rotenburg.  Er wollte das sogenannte Ortsbürgerrecht wieder erwerben. Sein Vater bescheinigte ihm 300 Taler für die Gründung eines Geschäftes. Am 30. Nov. 1858 garantierte der Vater seinem Sohn weitere 300 Taler als Zuwendung. Der Antrag auf Wiederaufnahme wurde daraufhin genehmigt. Er übernahm die geschäftliche Leitung der elterlichen Leinenwaren und Garnfabrik, im Sinne seines Vaters, der am 26.10.1859, im Alter von 65 Jahren in Rotenburg  a. d. Fulda, starb.
Zur selben Zeit erfuhr er, dass seine „Jugendliebe“ Rosalie Ballin, mit ihren Eltern und Geschwistern, 1857 nach Frankfurt am Main, ausgewandert war.
Ende 1861 zieht er nach Frankfurt a. Main um.
In der Hanauer Landstr. 5, in der Nähe der Ballins, die dort ein eigenes Haus hatten,  fand er seine erste Bleibe.
Im November 1861 bürgte Joseph Wertheim für alle etwaigen Schulden welche sein zukünftiger Schwiegervater, der Kaufmann David Ballin, bei der beabsichtigten Entlassung aus dem Kurhessischen Untertanenverbande, in Rotenburg zurück ließe, als Bürge und Zahler an die auftretenden Gläubiger zu entrichten.
Der Grund dafür war die versprochene Ortsbürgerschaft, von Seiten der Stadt Frankfurt,  für die ganze Familie Ballin. David Ballin hatte acht Kinder wovon Rosalie die Älteste war.
Am 15. Mai 1862  heiratet Joseph Wertheim, nach enormem verwaltungstechnischem Aufwand, Rosalie Ballin (geb. 12. März 1841).
Sein Aufgebot musste in Frankfurt a. M. und in Rotenburg a. d. Fulda aufgestellt werden!!
Aus dieser Ehe gingen 10 Kinder hervor.
Hier die Aufstellung der Frankfurter Meldekarte von Joseph Wertheim;.......

1.) Ernst geb. 2.2.1863 19.4.1884 nach Australien
2.) Sophie geb. 1.2.1864 10.1.1897 Brüssel
verheiratet mit Hugo Wertheim
Melbourne in Australien
3.) Martha geb. 10.2.1866 -----
4.) Paul geb. 13.6.1867 28.8.1899 Auf Reisen
5.) Karl geb. 24.4.1868 25.10.1888 Berlin, 3.10.1899 zurück
27.12.1899 nach Spanien, besondere Meldekarte
6.) Lilie geb. 3.6.1869 -----
7.) Richard geb. 29.4.1871 3.8.1918 auf besondere Meldekarte
8.) Emmy geb. 21.6.1872 am 11.6.1919 nach Königstein i/T
am 9.7.1919 zurück, weiteres auf besonderer Karte
9.) Franz geb. 15.1.1874 29.1.1900 nach Brüssel
10.) Elsa geb. 3.12.1876 11.6.1919 seit 20 Jahren in Gießen verheiratet

Zu 1.) Der Kaufmann Ernst Ludwig Wertheim geboren am 2. 2. 1863 zu Frankfurt a/ M. ist laut Verfügung der Königl. Regierung zu Wiesbaden vom 30. 1. 1897 Pet. 56/ No 764 aus dem preußischen Staatsverband entlassen worden.
Zu 5.) Laut Verfügung der Königl. Regierung zu Wiesbaden vom 5. 9. 1919 Pet. 2.24 Sta 1210 hat Karl Wertheim die Berechtigung den Namen Carlos Vallin zu führen.

Zurück ins Jahr 1861.
In der Hanauer Landstr. 5, außerhalb der Stadtmauern Frankfurts, stellte Wertheim Ende 1861 das erste Mal Nähmaschinen dem Frankfurter Publikum vor. Zur selben Zeit, trug er sich im Frankfurter Adressbuch als Handelsvertreter für Leinenwaren ein. Wertheim konnte damals noch keine eigene Fabrikation gründen, da es in Frankfurt noch nicht die Gewerbefreiheit für nicht Verbürgerte gab. Heimlich musste Wertheim in seinem Hinterzimmer auf der mitgebrachten Nähmaschine nähen.
Er hatte, genau wie viele andere, mit dem Vorurteil gegen die Nähmaschine zu kämpfen.
Auf der einen Seite schätzten das Publikum und die ersten Kunden seine Arbeit an der Nähmaschine, auf der anderen Seite befürchteten die Schneider brotlos zu werden.
Er war aber beharrlich und schwärmte immer wieder seinem zukünftigen Schwiegervater von der bahnbrechenden Erfindung der Nähmaschine vor. Bis dieser Ihm 1862 in seinem Haus in der Fahrgasse 108 Räumlichkeiten zur Verfügung stellte.

Schon seit einigen Jahren wurde in Frankfurt am Main die Frühjahrsmesse ausgerichtet. Allerlei Händler boten ihre Waren im Bereich Schiller Platz, Theater Platz, Göthe Platz und dem Rossmarkt an.
Am  Morgen des 3. Mai 1862  holte der junge Wertheim, bevor er sich wieder in die Arbeit stürzte, wie gewohnt am Zeitungsladen auf der Zeil seine Tageszeitung, den Frankfurter Anzeiger.
Auf dem Weg zum Haus seines Schwiegervaters las er oberflächlich die Großanzeigen der heutigen Zeitung. Wie ein Blitz durchlief es ihn als er die Anzeige auf Seite 5 der Bekanntmachungen las.
Frank Armstrong, von Wheeler & Wilson aus New York, ist im Hotel „ Weißen Schwan „ und zeigt die neusten Nähmaschinen. Das Hotel war damals eines der besten Adressen in Frankfurt in Mitten der benannten Plätze.


3.Mai 1862

Sofort erzählte er seinem Schwiegervater David Ballin von den neusten Nachrichten. Sie diskutierten die aktuelle Situation Wertheims, die durch eine Generalagentur in Frankfurt verbessert werden konnte. Sein Konkurrent Moritz Weiler hatte schon ein Jahr die Generalagentur von Grover & Baker und erneuerte ständig seinen Verkaufsladen auf der Zeil 45.

Kurz entschlossen begab sich Wertheim auf den Weg zum „Weißen Schwan“ um mit Herrn Armstrong aus New York zu sprechen!
Dieses Gespräch muss erfolgreich gewesen sein, denn am 5 Mai 1862 ernannte Frank Armstrong aus New York, Joseph Wertheim, zum Generalagenten für den süddeutschen Raum. Darüber hinaus richtete er bei Wertheim ein Depot mit zahlreichen Nähmaschinen ein,
Wertheim hatte unter mehreren Bewerbern den besten Eindruck bei Armstrong hinterlassen, da er in Amerika die Nähmaschine kennen gelernt hatte und selbst Mechaniker war.
Wertheim machte sofort Werbung um sein verehrtes Publikum auf diese erfreuliche Situation aufmerksam zu machen.
Er baute den Verkaufsraum bei seinem Schwiegervater in der Fahrgasse 108 aus und stellte einige Nähmaschinen darin aus.


5.Mai 1862

12.Juni 1862

Die Fahrgasse war aber nur eine Seitenstraße der Hauptgeschäftsstrasse „ Zeil “.
Im  September 1862 bekam er die Möglichkeit im Haus des Bankiers L.A. Hahn, auf der Zeil 35 einen Verkaufsraum einzurichten.
Wiederum machte er am 9. Oktober sofort Werbung mit seiner neuen Adresse.



9. Okt 1862

Jedoch muss diese Adresse nur als Übergang gesehen werden, denn am 14 Dezember desselben Jahres machte er sein Publikum auf eine Lokalveränderung aufmerksam. Er zieht auf die Zeil 26, gegenüber der Constabler Wache, in größere Verkaufsräume um.




14.Dez.1862

21.Jan. 1863


Bei Wertheim wurde der Drang eigene Nähmaschinen herzustellen immer größer. Wie wir später erfahren werden, eröffnete er Ende 1863 in Hanau mit Luis Ochs seine Nähmaschinenfabrik. Dies blieb nicht ohne Konsequenz auf die Verkaufszahlen von Wheeler & Wilson Nähmaschinen, die erheblich zurückgingen. Im August 1864 nahm man Joseph Wertheim die Generalagentur von Wheeler & Wilson ab.
Wheeler & Wilson übergab darauf hin die Generalagentur an Lorenz Breitenbach. Am 2. 9. 1864 machte Lorenz Breitenbach mit einer übergroßen Werbung auf seine Geschäftseröffnung und mit der General Agentur für Wheeler & Wilson Nähmaschinen auf sich aufmerksam. Wheeler & Wilson hatte also sofort gehandelt und dies auch mit Werbung vom 9.9.1864 gegen Wertheim zum Ausdruck gebracht.


Wie viele alte handgeschriebene Schriftstücke aus dieser Zeit beweisen, wollte Wertheim sich in Frankfurt geschäftlich niederlassen. Am 22. März 1862 stellt er einen Antrag an den Hohen Senat der Stadt Frankfurt a. M., mit der Bitte um Erteilung des Bürgerrechtes als Handelsmann auf Grund der bevorstehenden Vermählung mit seiner Verlobten, der Frankfurter Bürgerin Rosalie Ballin.
Damals war es eine überaus große Ehre Bürger der freien Stadt Frankfurt zu sein.
Er musste eine Vermögens- Deklaration unterschreiben, dass er eine Summe von 4000 Gulden besaß.
Beim jüngeren Bürgermeisteramt der freien Stadt Frankfurt musste man persönlich erscheinen, um eine Menge persönlicher Fragen, zur Niederschrift, zu beantworten.
Ein Leumundszeugnis wurde vom Polizeiamt Rotenburg am 27. März 1862 ausgestellt.
In dem Auszugs- Protokoll des Rechnerei- und Rentenamtes ist nachzulesen, dass Wertheim schon am  9. April 1862, eine Kaution für seine, zu erwartenden, geborenen Söhne, wegen der Militärpflichtigkeit, hinterlegen musste. Bürger und Auszugsgeld 200 Gulden, Aufwandspauschale Gesetz vom 15. 4. 1851 100 Gulden. Macht für Wertheim summa summarum 300 Gulden. Eine stolze Summe als Kaution.

(Am 18 März 1865  fordert sein Anwalt Dr. Siebert die Kaution zurück, da Wertheim aus dem Kurhessischen Staatsverband entlassen worden sei. Die Entlassungsurkunde wurde hinterlegt. Am 28. März 1865 bekam er die Kaution zurück.)



Seine Mutter gab Ihm die besagten 4000 Gulden als Startkapital (Mitgift zur bevorstehenden Hochzeit). 1/3 der Summe als Waren und 2/3 der Summe in barem Geld.
Seine Verlobte Rosalie Ballin brachte 2000 Gulden in barem Geld mit in die Ehe.
11 Tage vor seiner Hochzeit, kam, wegen des Aufgebotes in Rotenburg, heraus, dass er mit seiner zukünftigen Frau Rosalie Ballin verwandt sei.
Am 12 Mai 1862 klärte sich die Angelegenheit positiv für Wertheim auf.
Hier der Original Text:

An Hohen Senat! Zum hochverehrlichen Ratsbeschluß vom 6. Mai a.e. gehorsamster Bericht der Standesbuchführung.
Hoher Senat: Wertheim Joseph und Ballin Rosalie Dispensation wegen Verwandtschaft sowie
Despensation vom auswärtigen Aufgebot betreffend mit zurückfolgenden Communicaten ( Mitteilungen ).  
Aus der dem anbei zurückfolgenden Gesuche beiliegenden Anlagen ergeht, daß die rubruierten ( Betreffenden ) Verlobten im 3. Grade ungleicher Linie miteinander Verwandt sind. Das ordentliche Aufgebot wird hiermit erteilt.

Auf Grund aller erfüllten Auflagen, erteilte Ihm der Hohe Senat der freien Stadt Frankfurt a. M., am 13. Mai 1862 das Recht zu heiraten. In allen juristischen Angelegenheiten wurde er von seinem Anwalt Dr. jur. Siebert vertreten. Das Bürgerrecht als Handelsmann der freien Stadt Frankfurt a. M. wurde Ihm mit der Hochzeit am 15 Mai 1862 erteilt.

Zurück zum Jahr 1862.
Dies war die Geburtsstunde der Wertheimschen Nähmaschinen.
Um sein Publikum für die neue amerikanische Nähmaschine zu interessieren, saß er stundenlang im Erkerfenster, nähte auf seiner Maschine und zeigte die erzielten vorzüglichen Leistungen.

Sofort machte er Werbung mit seinen Nähmaschinen von Wheeler &Wilson.



1862

Sein größter Konkurrent Herr Moritz Weiler, der seit 1861 auf der Zeil 45 seinen Geschäften nachging, zog ab 1864  auf die Zeil 69 mit seinem Nähmaschinengeschäft  um.
In einem Zeitungsinserat von 1862 ist nach zulesen, das Grover & Baker New- York, Herrn Moritz Weiler, ausschließlich und allein autorisiert, Grover & Baker Nähmaschinen zu verkaufen.  Unterzeichnet:  Der Präsident O. B. Potter, Grover & Baker.
Moritz Weiler verkaufte kurze Zeit später auch Wheeler & Wilson Nähmaschinen. Wie es da zu kam konnte ich nicht aufklären.
Von der Zeil Nr. 35 zog Wertheim etwa Mitte 1863 mit seinem Geschäft auf die Zeil No. 26 im Hause der damaligen Effektenbank befindlichem Laden um. Sein Absatz war jetzt so groß, dass er bald darauf  mit der Herstellung einzelner Maschinenteile ( Ersatzteile ) begann, zu welchem Zweck er sich in dem alten Bau der Reichskrone in den sehr primitiven Räumen der Großen- Friedbergerstraße 7 einmietete.
Wie viele Mitarbeiter hier beschäftigt waren ist mir nicht bekannt.
Die langen Lieferzeiten, die für ihn behindernde Frankfurter Gewerbefreiheit und die starke Konkurrenz in Frankfurt zwangen Wertheim förmlich dazu, seine ausgeprägte Energie und seine Tatenkraft walten zu lassen.
Um seine Kunden zu befriedigen, kaufte er kurzzeitig auch Maschinen anderer Nähmaschinenfirmen auf und versah sie mit seinem Namen. Er entschloss sich seine noch recht kleine Fabrik nach Hanau zu verlegen. Seine Ersatzteilewerkstatt ließ er in der Großen Friedbergerstr. 7.
Ende 1863 richtete er im Hause des Goldarbeiters und Tanzlehrers Karl Runkel in der Schloßgasse No.7, in der Altstadt Hanaus, unter der Leitung des tüchtigen Mechanikus Louis Ochs eine Nähmaschinenfabrik ein. So wollte er die Gewerbeverordnung Frankfurts umgehen um seine eigenen Nähmaschinen in Frankfurt einführen zu können.
Seine Privat Adresse 1863 war immer noch Hanauer Landstraße No.5.
Um seine Ware über die Tore Frankfurts hinaus besser absetzen zu können, vereinigte er sich mit Jacob Wiedersum, dem er die Generalvollmacht für Hanau und Umgebung übergab.
In einer Hanauer Zeitung weist er am 1.11.1863 auf seine, bei Jacob Wiedersum in Hanau zur
Ansicht stehenden Nähmaschinen hin.


1863

Etwa um diese Zeit versuchte er Nähmaschinen des Typ „Singer“ anzubieten, was zunächst einige Schwierigkeiten machte. Sein Absatz wurde so groß, dass Mechanikus Louis Ochs am 02.12.1863  sechs weiteren tüchtigen Mechanikern eine Dauerstellung gab. Zu dieser Zeit waren etwa 30 Beschäftigte in seinen Diensten. Wo Wertheim sein Rohmaterial (Gussteile) bezog ist mir nicht bekannt. Singer Nähmaschinen hatte er noch nicht im Angebot, an Ihnen „feilte“ er noch. Die erste Nähmaschine in Hanau wurde lt. Zieglerischer Chronik etwa im März 1862 „ in Tätigkeit gesetzt und ist Herrn Hutfabrikant Karl Rößler als Besitzer übergeben worden“. Ob Wertheim schon mit dieser Maschine zu tun hatte, lässt sich nicht mehr nachweisen.
Erst ab 1864 steht Wertheim im Frankfurter Adreßbuch, Zeil 26, mit dem Hinweis auf Nähmaschinen.
Sein Verkauf an Nähmaschinen allein in Hanau war schon sehr beachtlich.

So schreibt die Zieglerische Chronik des Heimat Vereins Hanau:
8 August  Montag 1864
„Herr Joseph Wertheim welcher seit voriges Jahr in hiesiger Stadt eine Nähmaschinenfabrik mit Erfolg angelegt hat und seit dieser 100 Stück in hiesiger Stadt verkaufte, hat aus Anlaß dieser Absetzung, der hiesigen Stadt eine Nähmaschine zum Geschenk gemacht.“
Wie hoch Wertheims gesamte Verkaufszahl in 1864 war lässt sich nur schätzen. Ca: 350 Stück.
In der Hanauer Zeitung vom 21.08.1864 weist Joseph Wertheim, Zeil Nr. 26 wieder auf seine, bei Jacob Wiedersum in Hanau erhältlichen Nähmaschinen hin.



1864

So schreibt die Zieglerische Chronik:
„Am 5. September 1864 zog dessen hiesiger Werksführer Herrn Louis Ochs nach Frankfurt, um Wertheim, seine Arbeit zu präsentieren. Am 7. Oktober  des Jahres wurden die Nähmaschinen vom Möbelwagen nach Frankfurt gebracht.“.
Hier wurden wahrscheinlich die ersten selbstproduzierten Typ „Singer“ Nähmaschinen vorgestellt.
Im Hanauer Adreßbuch von 1867 ist der Mechanikus Louis Ochs, in Hanau, in der Johanneskirchgasse 8 gemeldet. Im Adreßbuch von 1876/77 ist der Mechaniker Louis Ochs mit einem Nähmaschinenlager in der Frankfurter Str. 1-3 eingetragen.
Ob er da noch Maschinen für Wertheim herstellte muss man bezweifeln, da Wertheim 1876/77 schon längst seine Fabrik in Frankfurt a. M. Bornheim hatte. Eher ist anzunehmen, dass Louis Ochs den Ersatzteile und Reparaturmarkt für Hanau und Umgebung übernommen hatte. Wie lange er dies noch für Wertheim ausführte konnte ich nicht aufklären.
Am 1. Mai 1864 wurde die neue Gewerbeordnung in Frankfurt a. Main ins Leben gerufen.
Die Handelskammer hob mit besonderer Anerkennung hervor, das von dem Recht der Gewährung  zum  freien Gewerbebetrieb an nicht Verbürgerte im Sinne des von Ihr befürworteten Prinzips der Freizügigkeit in liberaler Weise jetzt gebrauch gemacht wird.
Joseph Wertheim war seit geraumer Zeit in Verhandlung mit der Stadt Frankfurt, über ein Grundstück im Industriegebiet Bornheim. Hier gab es Pläne zur Erschließung eines neuen Industriegebietes.

Im Intelligenz Blatt vom 4. Okt. 1865 kann man in den Frankfurter Nachrichten nachlesen, dass Joseph Wertheim an dem verflossenen Samstag ein Fest feierte.
Gefeiert wurde in Frankfurt im Gerlach´schen Hof mit seinen 90 Arbeitern die 1000. fertig gestellte Nähmaschine.
Trotz voraus gehender Disharmonie zwischen Arbeitgeber und Nehmer war erfreut zu vermerken mit welcher Eintracht man zu einander stand.
Um seinen Absatzzahlen gerecht zu werden zog er Anfang 1865 in neue Verkaufsräume um.
Dieser neue Laden war auf der Zeil No. 15 des ehemaligen Römischen Kaisers gegenüber.
Seine Privatadresse, laut Frankfurter Adreßbuch, ab 1866, Berger Str. 2/ Ecke Hermensweg.
Nach anfänglichen enormen Schwierigkeiten war der Erfolg  jetzt riesengroß und er konnte endlich, Ende 1867, das Grundstück in Frankfurt Bornheim nördlich der Bornheimer Haide kaufen.

In einer Festschrift die, die Frankfurter Sparkasse 1998 über Bornheim heraus brachte, heißt es:
„Bornheim besaß um die Mitte des 19. Jahrhunderts noch kein industrielles Unternehmen.
Das ändert sich im letzten Drittel, als die deutsche Industrie allgemein ihren Aufschwung nahm.
Der erste große Industriezweig wurde für Bornheim die Nähmaschinenherstellung.
Joseph Wertheim hatte als Mechaniker in Amerika die Nähmaschinenindustrie kennen gelernt, war entschlusskräftig und eröffnete 1862 in der Fahrgasse zunächst nur eine Verkaufsniederlassung für Nähmaschinen. Schließlich nahm er selbst in der 1868 fertig gestellten Fabrik die Produktion von Nähmaschinen auf.
Joseph Wertheim hatte in 1868 mit 80 Arbeitern begonnen, drei Jahre später beschäftigte er bereits an die dreihundert. Das Unternehmen konnte sich noch einmal vergrößern; 1883 fertigten rund sechshundert Arbeiter die Stückzahl von 35000 Nähmaschinen, deren größter Teil nach Australien und Südamerika transportiert wurde. - Welche wichtige Rolle die Deutsche Nähmaschinenfabrik in Frankfurts Wirtschaftsleben spielte, geht daraus hervor, dass eine von der Stadtverordnetenversammlung bereits genehmigte“ Alignementplanung“ (Bebauungsplan) für die Berger Straße zugunsten der Wertheimschen Fabrik geändert werden musste. In den Magistratsakten heißt es dazu: „...
dass der zwischen Germania- und Eichwaldstraße bestehende Vorgarten aufgehoben  und die Baulinie mit derzeitiger Straßenlinie vereint werden........“
Wertheim durfte seine Gebäde ohne Grünstreifen bis an den Bürgersteig bauen, was er auch tat.

Zurück ins Jahr 1868.
Wertheim war schon immer darauf bedacht, seine Fabrikationseinrichtungen frühzeitig unabhängig von  Zulieferern zu machen. Dies galt speziell dem relativ großen Bedarf an Gusssteile.
So errichtete er bereits 1868 seine eigene Eisengießerei.

Kurz zur Straßennennung ( Adresse ) von Wertheims Fabrik ab 1868.
Bis ca. 1870 hieß sie Güntersburg Weg 58. Dann ab 1870 Burg Straße und wieder Güntersburg Straße. Ab ca. 1890 nannte man sie Burg-Straße 88. Ein wildes Hin und Her, aber die gleiche Adresse. Am 1. Januar 1877 wurde Bornheim zu Frankfurt eingemeindet. Die Adresse Burg-Straße 88 bleibt dann bis 1940 nachweislich im Frankfurter Adressbuch.

Ab 1864 etwa, baute Wertheim Nähmaschinen des Typs „Singer“ nach. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, Singer Nähmaschinen auf den Markt zu bringen, wurden die Maschinen jetzt vom Publikum akzeptiert.
Ab ca. 1878 versah er jede ausgelieferte Typ „Singer“ Langschiff-Nähmaschine, je nach Ausführung und Baujahr, mit einer S 4 bis S 6 vor der Seriennummer.

1875 schickte Joseph Wertheim seinen Neffen 2.Grades und Mündel Hugo Wertheim, der am 30.08.1885  seine 1. Tochter Sophie heiratete, als Agent nach Australien. Dort baute Hugo Wertheim eine der größten Verkaufsnetze in Australien für Pianos und Fahrräder in Melbourne auf. 1908 baute er eine Fabrik, in der ca. 400 Mitarbeiter beschäftigt waren. Er verkaufte auch auf dem ganzen Kontinent, mit Erfolg, die Wertheim Nähmaschinen aus Deutschland. Als Hugo Wertheim 1919 starb, leitete sein Sohn die Firma, bis zum Verkauf 1935 an Heinz Ketschup, weiter.
Im Dezember 1899 ging Joseph Wertheims  Sohn Karl nach  Barcelona um in Spanien, die etwa 1873 gegründete Niederlassung, zu übernehmen. Karl entwickelte sich zur Zentralfigur der Wertheims und leitete später das gesamte Unternehmen Wertheim, im Sinne seiner Eltern.
Er gründete 1920 die noch heute bekannte Rapida SA, die 1944 an die spanische Olivetti verkauft wurde.

Laut Handelskammer gab es in Bornheim 1870  schon mehrere Firmen zur Herstellung von Nähmaschinen. Die Firma Soldan & Stayert mit 30 Arbeiter und Wertheim mit ca. 300 Mitarbeitern und eigener Eisengießerei. In Bockenheim, die Eisengießerei und Nähmaschinen- Fabrik Weber & Miller, auch gegr. 1862, mit 130 Mitarbeitern, 1886 dann Miller & Andreae. 1908 umgewandelt in Fa. Moenus AG mit dann 650 Mitarbeiter zur Herstellung von Schuh und Ledernähmaschinen. Ab 1867 die Firma Gustav Colshorn, Nähmaschinen- und Schraubenfabrik im Sandweg 21, nach dem Eintritt von Heinrich Theodor Menke (1872/73) aus Hamburg, nannte sich die Firma „Union Nähmaschinenfabrik“ mit ca. 50 Mitarbeitern.
Auf dem Gelände der Firma Soldan & Stayert Petterweilsraße 2-4 folgten ab 1879 nehrere Besitzer, bis 1901 Wertheim das Gelände incl. der Gebäude kaufte. So konnte er sich in westlicher Richtung mit seiner Fabrik etwas erweitern.

Am 14 Juni 1868 fragte Joseph Wertheim, mit einem Brief beim „Löblichen Pflegeamt“ nach, da die 80 Arbeiter seiner Fabrik eine Krankenkasse gebildet hatten, ob die Verpflegung im Krankenhaus gewährleistet sei und zu welchen Bedingungen. Wertheim finanzierte also schon sehr früh eine Betriebskrankenkasse um im Krankheitsfall seine Mitarbeiter versorgt zu wissen.
Nur zur Erinnerung; die gesetzliche Krankenkasse wurde durch Kaiser Wilhelm I auf Anraten des Reichskanzlers Otto von Bismarck im Dez. 1884 in Kraft gesetzt. Wertheim war also einer der Pioniere in Sachen Krankenversicherung, auch wenn es nur um die Sicherstellung der Versorgung im ortsnahen Krankenhaus ging.
 
Ab 1868 wurde Wertheims Fabrik ständig vergrößert und auf den neusten Stand gebracht.
Laut Frankfurter Adreßbuch hatte Wertheim in der Allerheiligenstr. 85 ein Musterlager für Nähmaschinen eingerichtet. Wie man weiß wandelte Wertheim seine Firma am 6. Mai 1873 in eine Aktiengesellschaft um, deren Anteile nur an Mitarbeiter ausgegeben wurden.
Im Frankfurter Adreßbuch von 1873 ist er sogleich als Direktor seiner Fabrik eingetragen.
1873 kaufte Wertheim ein Grundstück ( ca. 3000 m² ) in der Arnsburgerstr. 20, Ecke Höhenstraße in Bornheim. Hier errichtete er seine Privat Villa, die in den Jahren mehrfach, mit der sich vergrößernden Familie, vergrößert wurde.
Am 14. April 1888 genehmigte das Tiefbauamt Frankfurt a. M., Wertheim, ein neues Bauvorhaben.
Joseph Wertheim will, wie beschrieben, sein Wohnhaus anbauen, was ihm aber nur durch nicht gerechtfertigte Auflagen des Tiefbauamtes gelingt. Wertheim erfüllt die Auflagen unter Protest und kündigt rechtliche Schritte gegen den Magistrat der Stadt Frankfurt an. Dieser Rechtsstreit dauert ca. ein Jahr und wurde vom königlichen Bezirksausschuss in Wiesbaden zu Gunsten Wertheims entschieden.
Wieder einmal führte seine ausgeprägte Beharrlichkeit zum Erfolg.
In der Fabrik, in der Burgstr. 58, hatte er als Verwalter ( Werksführer ) Herrn Hufschmidt das Hausmeistergebäude übergeben.
Joseph Wertheim war ein energischer Vertreter der geistigen Freiheit, für die er oft offen und lautstark eintrat. So war er in der Demokratischen Partei Mitglied ( Verein der Fortschrittspartei )  und war einer der 3 ersten Stadtverordneten, die bei der Eingemeindung Bornheims zu Frankfurt ins Stadtparlament einzogen.
Stadtverordneter war er vom 27.07.1877 bis Ende 1882 und vom 27.11.1884 bis 1890.
Nach dreizehn Jahren in der Bürgervertretung hatte der Fabrikant Wertheim, es aus gesundheitlichen Gründen  abgelehnt, nochmals zu kandidieren.
Um zu zeigen wie Wertheim seine Stadtverordnetentätigkeit auch für die Deutsche Nähmaschinen Fabrik nutzte, beweist das Protokoll einer Stadtverordnetenversammlung vom 7. März 1881.
Man wollte eine neue Volksschule für Bornheim einrichten, südlich der Löwengasse, in direkter Nachbarschaft der Nähmaschinenfabrik.
Wertheim hatte sich zu Wort gemeldet und starke Bedenken erhoben.
Die große Anzahl der Stadtverordneten ließ sich jedoch nicht beirren und genehmigten die Bauausführung am 18. Juli 1881. Dieses Bauvorhaben kostete 396.360 Mark und wurde 1883 abgeschlossen. Zahlreiche Dokumente beweisen, dass Wertheim im Rechtsstreit mit der Schuldeputation lag, weil er einen neuen Schmelzofen für seine Eisengießerei bauen wollte.
Der Rechtsstreit wurde bis zur Königlichen Regierung in Wiesbaden vorgetragen und dort zu seinen Gunsten entschieden.


Ansicht der Schule von 1883 gegenüber der damaligen Fabrik

Er bekam die Genehmigung am 14. April 1882, jedoch nur mit erheblichen Auflagen.
Kein Anheizen der Öfen vor 17 Uhr, keine Vermehrung des Betriebes wegen des zweiten Cupolofens und kein Mehrausstoß von Ruß bzw. anderen Niederschlägen zu Ungunsten der Nachbarschaft. 
Wertheim hätte gerne auf dem Gelände der Schule seine neue Eisengießerei gebaut.

Alles lief prima bis am 31.05.1883 kurz nach 12 Uhr ein Feuer, in der Deutschen Nähmaschinen Fabrik (vorm. Jos. Wertheim) in Bornheim, ausbrach.
Die Arbeiter etwa 570 an der Zahl, hatten sich eben zum Mittagessen begeben, als aus dem östlich gelegenen Fabrikgebäude, in welchem sich die Schreinerei, Gießerei, ein Teil der Dreherei und die Lackier- Werkstatt befanden, helle Flammen herausschlugen.
Ein Teil der Arbeiter war sofort bemüht, die ganz-, bzw. halbfertigen Nähmaschinen und  Maschinenteile in Räume zu verbringen, die man für ungefährdet hielt. Als die Bornheimer Feuerwehr eintraf hatten die Arbeiter die Bekämpfung des Brandes schon aufgegeben, da ein starker Ostwind dafür sorgte, dass das Feuer um sich griff.
Als die ziemlich spät alarmierte Frankfurter Feuerwehr um ½ 1 Uhr auf der Brandstätte eintraf, stand schon das ganze östliche Gebäude in hellen Flammen.
Um 1 Uhr 5 Minuten wurde auch die Freiwillige Feuerwehr alarmiert. Als diese eintraf stürzte der Dachstuhl des östlichen Gebäudes in sich zusammen. Gegen 2 Uhr stand auch der Dachstuhl des westlichen Gebäudes, in welches man die ganzen Nähmaschinen und Maschinenteile gebracht hatte, in Flammen, und kurz vor 3 Uhr stürzten auch hier die Decken ein und zerstörten den größten Teil der erwähnten Maschinen.
Der Querbau zwischen dem östlichen und westlichen Gebäude wurde jedoch gerettet, da man die Zugänge schnell zumauerte. Dadurch konnte der große Teil der Werkzeugmaschinen gerettet werden.
Gegen 4 Uhr war das Feuer in der Hauptsache bewältigt. Bis Abends gegen 6 Uhr flammten immer wieder kleine Brandherde auf, die aber  auch vollständig gelöscht wurden.
Ein Verlust von Menschenleben war nicht zu beklagen. Die Fabrik war bei den Feuerversicherungsgesellschaften Phönix, Helvitia und der Stettiner Feuerversicherungsgesellschaft versichert.
Den Hauptschaden trug die erst genannte Versicherung.
Nicht weniger als 600 Nähmaschinen und ein erheblicher Teil der Gebäude wurde bei dem Brand zerstört. Als Brandursache wurde vermutet, ein Arbeiter aus der Lackiererei hätte sich mittags vor dem Weggang zum Essen eine Pfeife angezündet und das Streichholz in noch glimmenden Zustand weggeworfen.
Die Geschäftsleitung ließ schleunigst Schuppen aufstellen, in die, die Produktion verlagert werden sollte, um niemanden brotlos werden zu lassen.
Dies gelang nur teilweise da 1884 ca. 150 Arbeiter, wegen 25 % igen Produktions- rückständen, entlassen werden mussten. Zwei Jahre später stand man wieder mit an der Spitze der größten Nähmaschinenfabriken Europas.

1875 hatte Wertheim schon zwei Geschäftsführer benannt, Samuel Guckenheimer und Carl Wettach. Sie führten die Geschäfte bis 1890, als Ernst Wertheim, sein  1. Sohn, dazu kam. Entscheidungsberechtigt waren je zwei als Kollektiv. 1899, laut Frankfurter Adreßbuch waren es, Carl Wettach und Ernst und Paul und Karl Wertheim je zwei im Kollektiv. Joseph Wertheim hatte sich seit geraumer Zeit, wegen Krankheit (Schilddrüsenerkrankung), zurückgezogen und lebte, damals schon seiner Krankheit wegen, in südlichen Ländern.
Am Samstag den 18. März 1899 stirbt Joseph Wertheim im Alter von 65 Jahren in Nizza.
Auf dem Bornheimer Friedhof wurde am 30. März 1899, die Asche des verstorbenen Herrn Joseph Wertheim, dessen Leiche im Krematorium zu Paris verbrannt worden war, unter Teilnahme zahlreicher Trauergäste beigesetzt. Die Trauerfeier leitete, der Priester der liberal christlichen Kirche Referent Siebert, ein Neffe von Rosalie Wertheim.

Nach dem Tode Joseph Wertheims, kaufte die Familie, die Aktienmehrheit wieder zurück.
Die demokratische Partei beklagte den Heimgang eines ihrer gesinnungstreuesten und opferwilligsten Mitglieder. Frankfurt verlor einen ihrer größten Unternehmer und Wohltäter der Unbemittelten. Aber auch kritische Stimmen waren nachzulesen.
So schreibt am 22. März 1899 die kleine Presse:

„In dem Nachruf, den die „Volksstimme“ Joseph Wertheim widmet, heißt es zum Schluss: „Wie demokratisch der Mann dachte, geht am Deutlichsten daraus hervor, dass er seinen Arbeitern bei den Landtagswahlen nicht einmal frei gab, damit Sie Ihr Wahlrecht ausüben konnten.“
Ob die Arbeiter der Wertheimschen Fabrik am Wahltag frei hatten wissen wir nicht. Im Übrigen zweifeln wir diese Aussage an und wollen Sie auch nicht nachprüfen......“
Soweit die Kleine Presse von 1899.
Durch die Schenkungsurkunde vom 02.07.1896 stellte der Fabrikbesitzer Joseph Wertheim 100.000 Mark der Aktienbaugesellschaft zur Verfügung. 70.000 Mark erhielt die Aktienbaugesellschaft als Hypothekendarlehen mit der Auflage, aus dem Zinsertrag jährlich 500 Mark an den Verein für Ferienkolonien und 1775 Mark an den Verein für Rekonvaleszenten- Anstalten zu zahlen. Der Gesamtbetrag wurde der Stadt Frankfurt am Main im Jahre 1941 ausgezahlt. Durch Verfügung des Oberbürgermeisters vom 10.11.1941 wurde das dem Verein für Ferienkolonien und das dem Verein für Rekonvaleszenten- Anstalten zugedachte Vermögen in die unselbständige Jugendfürsorge-Stiftung eingegliedert.
Des Weiteren kaufte Wertheim, am 16 März 1891, das alte Mädchen- Institutshaus Hillebrand in Neuenhain bei Bad Soden im Taunus, dessen Grundstück und Gebäude mit einer Hypothek von 42.000 Mark belastet war.
Die letzte Institutsschülerin war Elsa Wertheim, jüngste Tochter von Joseph Wertheim und seiner Frau Rosalie, geb. Ballin, die am 25.5 .1890 hier konfirmiert wurde.
Wie wir wissen, war Wertheim jüdischer Herkunft. Die Tochter wurde 1/2 Jahr vor der Konfirmation getauft, vermutlich hatten um die gleiche Zeit die Eltern die evangelische Konfession angenommen.
Die Wertheims vermieteten zunächst das Ganze, 4 Morgen 34 Ruten 88 Schuh in 20 Parzellen und 2 Chaussee- Böschungen und die 2 Gebäude, an den „Frankfurter Verein für Rekonvaleszentenheime“, der Ende 1890 gegründet worden war und unter der Protektion der Kaiserin Friedrich stand. Hier entstand ein Alters und Genesungsheim für Arbeiter und Angestellte am 27.9 1891.
Diese Rekonvaleszenten- Anstalt war bis zum Ausbruch des Weltkriegs 1914/18 im Betrieb als eine soziale Einrichtung bekannt, die viel Gutes bewirkt hat.
Durch den Kaufvertrag vom 10.02.1922 ging der gesamte Besitz für 400.000 Mark ( schon begonnene Inflation ) ins Eigentum der Gemeinde Neuenhain über. Später wurde das Gebäude zum Rathaus und letztendlich im Herbst 1971 abgerissen.
Am 25. Januar 1902 fragte das Waisen- & Armen-Amt Frankfurts bei der Deutschen Nähmaschinen Fabrik an, ob wegen schlechten Geschäftsganges noch mehr Kündigungen zu erwarten wären.
Die Wertheim AG dementierte energisch mit einem Brief vom 27. Januar 1902, dass keine betriebsbedingten Kündigungen stattgefunden haben und keine, so weit sich das überblicken lässt, stattfinden werden. Die Wertheim AG war eine der größten Arbeitgeber der Region. Es arbeiteten ca. 520 Mitarbeiter um 1900 in der Deutschen Nähmaschinen Fabrik.
Da man sich in Bornheim nicht mehr vergrößern konnte, wurde 1907 in Frankfurt/ Bonames ein 30000 m² großes Grundstück erworben und in 1908 eines der modernsten Eisengießereien Europas eröffnet.
In einer reich illustrierten Broschüre, die mir vorliegt, kann man nachlesen, wie modern die Gießerei eingerichtet war. Wie z.B. die 122 PS Lanz Dampfmaschine, die Dynamo- Maschine zur Umwandlung elektrischer Energie, die elektrischen Lastenaufzüge, die Hanovera= Cupol= Öfen, die Windprellungsgebläse der Schmelzöfen und vieles mehr.
Lange bestand dieses Werk jedoch nicht, denn 1940 bekam eine Frankfurter Immobilienfirma den Auftrag, das Fabrikgrundstück der Firma Deutsche Nähmaschinenfabrik von Jos. Wertheim Akt.-Ges. in Liqu. Frankfurt a/M. Homburgerlandstaße 455 ( Am Bahnhof Bonames), zu veräußern.
30.000 m² zu je 300,-/m2  1,8 - 2,0 AZ , Wohnbebauung, 4- geschossig.

Die Firma Alfred Teves Maschinen und Armaturenfabrik übernahm 1940 die Gießerei der Deutschen Nähmaschinenfabrik Josef Wertheim AG. Dieser Kauf sollte sich für die Teves KG als glücklich erweisen. War nach dem zweiten Weltkrieg in Frankfurt alles zerstört, so war die Gießerei in Bonames nahezu unversehrt. Ende 1960 hat die Stadt Frankfurt das gesamte Gelände übernommen.
In den Adreßbüchern der Jahre bis 1937 wurden die Werbeanzeigen der Deutschen Nähmaschinen Fabrik immer kleiner, bis sie 1940 ganz verschwanden.
Am 6. Januar 1918 starb Rosalie Wertheim geb. Ballin im Alter von 76 Jahren. Sie galt als sehr technisch interessiert. So hatte sie 1912 schon ein elektrisches Fahrzeug, dass sie im Umkreis von 30 Km nutzen konnte, ohne das es aufgeladen werden musste.
Die Einäscherung fand am 10. Januar d. J. im Krematorium des Frankfurter Hauptfriedhofes statt.
Die trauernden Hinterbliebenen kamen aus Frankfurt a. M., Berlin, Gießen, Wiesbaden, Melbourne, Barcelona und München.
Auch die technische Interessengemeinschaft, die man ca. 1920 mit der Nähmaschinen-Fabrik Gritzner Akt.-Ges. in Durlach abgeschlossen hatte, wurde 1945 endgültig aufgelöst. Nähmaschinen von Wertheim gab es jetzt nur noch aus Spanien.
Auf Grund der drohenden Naziherrschaft wurde bis ins Jahr 1932 die ganze Fabrikationseinrichtung demontiert und nach Spanien transportiert, wo die Maschinen in die vorhandene Fabrik „ Rapida SA“, geleitet von Karl Wertheim (alias Carlos Vallin), integriert wurden.
1937 erfolgte dann die Löschung der IHK Akte; 1940 die Löschung von Amtswegen.
Hiermit endet die Ära Deutsche Nähmaschinen Fabrik vorm. Joseph Wertheim.
Eines muss ich abschließend zur Geschichte Joseph Wertheim sagen. Nach Auswertung aller mir vorliegenden Unterlagen, die viel umfangreicher sind als in diesem Bericht beschrieben, hat man es Wertheim beim besten Willen nicht leicht gemacht.
Der Standort Bornheim, an der Grenze zu Frankfurt, brachte Ihm nach der Eingemeindung zu Frankfurt a. M. 1877, nur Ärger.
Seine neue Eisengießerei scheiterte an der Schule, deshalb musste er nach Bonames ausweichen, usw. Selbst von seinem Privatanwesen hielt man nicht Abstand, und zu guter Letzt kamen die Nazis.
All dies, konnte Wertheim nicht von seiner Lebensweise abbringen. Er blieb immer ein rechtschaffener Mann seiner Zeit.
Wo die ganze Familie Wertheim verblieben ist, ist eine Geschichte für sich und würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen.
1936 wurde der größte Teil des Fabrikgebäudes in Frankfurt a. M. Bornheim abgerissen. Das Verwaltungsgebäude dann in den 50 er Jahren. Die Schule, die 1882-83 Streitpunkt war, steht heute noch unverändert. 1937 wurden auf dem Gelände der Fabrik, 4-  stöckige Wohnhäuser errichtet, die heute noch stehen.

Hier die heutige Ansicht des Wohnhauses an deren Stelle die Fabrik stand.

An den Unterlagen und Fakten aus der Sammlerzeitschrift „Schlingenfänger“ von 1989, bezüglich des Produktes Nähmaschine von Joseph Wertheim, ist von meiner Seite leider nichts mehr zu ergänzen.
Normalerweise sind Firmenunterlagen aus dieser Zeit im Hessischen Wirtschaftsarchiv in Darmstadt aufbewahrt. Im Falle Wertheim war die Akte leer.

Interessant wird sicherlich werden, wo das gesamte Vermögen der Wertheims geblieben ist. Joseph Wertheim hatte am 28.06.1898 sein 45 seitiges Testament beim Königlichen Amtsgericht eintragen lassen, in dem alle Verwanden und Kinder bedacht wurden. Letztendlich blieb sein Sohn Karl als Alleinerbe in Spanien übrig. Er wiederum war mit seiner Frau Maria kinderlos, hatten aber einen persönlichen „Kronprinzen“ (Erben). Er sollte alles bekommen - hat er es bekommen?


Ich hoffe, ich konnte mit meinem Bericht die Informationslücke über die Person Joseph Wertheim und seiner Nähmaschinenfabrik etwas schließen, so dass sich die enorme Arbeit meinerseits auch gelohnt hat.


Berthold Engel, aktualisiert am 31.03.2018


Quellennachweis:

Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main
Stadt und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main
Historisches Museum der Stadt Frankfurt am Main
Jüdisches Museum der Stadt Frankfurt am Main
Magistrat der Stadt Hanau Kulturamt- Stadtarchiv
Hessisches Wirtschaftarchiv Darmstadt
Magistrat der Stadt Rotenburg an der Fulda Stadtarchiv
Arbeitsgruppe Spurensuche Rotenburg a. d. Fulda
Hessisches Staatsarchiv Marburg
Hauptstaatsarchiv Wiesbaden
Deutsche Nähmaschinen Zeitung
Sammlerzeitschrift „Der Schlingenfänger“

Besonders bedanken möchte ich mich bei:
Dr. Alfons Engel und seiner liebenswerten Ehefrau Irene Engel, für die unzähligen übersetzten Seiten in alter deutschen Handschrift.
Sammlerkollege Uwe Dierkes, für die Unterstützung bei Wertheim Werbungen und endlosen Diskussionsstunden.
Carlos Guilliard, für die Bereitstellung vieler persönlicher Briefe und Photos aus dieser Zeit.
Die Sammlerkollegen Fam. Friedel Niggemann und Ludger Halbur für die Unterstützung in der langen Ausarbeitungszeit.
Meine Familie, für das Verständnis und die riesen Geduld.

Berthold Engel, im März 2007